Das erste Mal sitze ich vor meinem PC und starre eine leere Seite an, weil ich einen Blogpost verfassen möchte, mir aber einfach die richtigen Worte fehlen. Am Wochenende  überschlugen sich die Ereignisse und das Leben hat wieder ganz deutlich gezeigt: Freud und Leid liegen verdammt nah beieinander. Ich habe lange überlegt, ob ich euch einfach NUR über den 1. Lauf zum DLC auf dem Hockenheimring berichten soll. Aber das Leben und das was darin passiert – genau das lässt sich nun mal nicht losgelöst voneinander betrachten. Genau das ist das echte Leben. Aber lasst mich einfach von vorne beginnen.

Wie manche von euch vielleicht wissen, hatte ich bisher wenig Bezug zum Rennsport. Umso mehr habe ich mich aber über die Möglichkeit gefreut, zusammen mit der Rennleitung#110 am vergangenen Ostersamstag den 1. Lauf zum Deutschen Langstrecken-Cup, die „1.000 km Hockenheim“ besuchen zu können. Für mich die perfekte Gelegenheit um zum ersten Mal in diese Welt einzutauchen.

Zum 42. Mal stellten sich die Fahrer auf dem Hockenheimring der Distanz von 1.000 km und läuteten damit traditionsgemäß die Saison des offiziellen Motorradsports in Deutschland und somit auch des diesjährigen Deutschen Langstrecken Cups (DLC) des Deutschen Motorsport Bundes (DMSB) ein (Quelle: http://www.hockenheimring.de/1000-km-rennen). An dieser Stelle nehme ich bereits vorweg, dass wir einen wirklich tollen Tag auf dem Hockenheimring hatten und es sicher nicht unser letztes Rennsport-Event gewesen sein wird.

Für uns hieß es am Samstagmorgen: zeitig aufstehen, um uns auf den Weg in das fast 500 km entfernte Hockenheim zu machen. Mein Handy habe ich dabei erst ca. eine Stunde vor Ankunft eingeschaltet. Ich bin es gewöhnt, dass dann viele Nachrichten und Mitteilungen aufpoppen. Dieses Mal war allerdings eine dabei, die uns tief getroffen hat. Einer unserer Motorradfreunde ist am späten Karfreitagnachmittag tödlich verunglückt, hieß es darin.

Naive Gedanken wie: Das kann nicht sein.. So schnell stirbt man nicht.. Das trifft doch immer nur die anderen – schießen einen in den Kopf. Realisieren konnten wir es kaum. Ich merkte sofort, wie meine Gedanken eine Abwehrhaltung einnahmen und ich das Gelesene nicht akzeptieren wollte. Wir entschieden uns, den Weg nach Hockenheim fortzusetzen und mehr Informationen abzuwarten.

Am Hockenheimring angekommen wussten wir sofort: hier sind wir richtig. Auf der direkt neben dem Parkplatz verlaufenden Rennstrecke fand gerade das Zeittraining statt und die vorbeischießenden Maschinen lieferten mit ihren dröhnenden Motoren die perfekte Atmosphäre. Direkt am Eingang hatte auch die Rennleitung#110 ihren Stand und ich habe mich sehr gefreut, bekannte Gesichter wiederzusehen und einen weiteren Teil des Teams kennen zu lernen. Vor allem habe ich mich gefreut, dass ich zu dieser Gelegenheit endlich auch Rick, einen der Initiatoren des Vereins, kennen lernen konnte.  Das war längst überfällig ;-).

1000 km Hockenheimring, 1. Lauf des DLC 2017, Rennleitung#110
Die Rennleitung#110 bei den 1.000 km Hockenheim, Bild: Rennleitung#110
Heute leider nicht auf der Rennstrecke: die R1 der Rennleitung#110, 1. Lauf des DLC 2017, Rennleitung#110, Hockenheimring
Heute leider nicht auf der Rennstrecke: die R1 der Rennleitung#110

Da wir noch Zeit hatten bis 11:30 Uhr das Rennen startete, machten wir uns erstmal auf den Weg, das Fahrerlager und die Boxen zu erkunden. Mein Freund staunte nicht schlecht, dass zu Zeiten der Formel 1 hier alles seinen Platz findet, wo es zum DLC doch schon mächtig eng wurde. Und ich staunte nicht schlecht, wie viele Menschen und wie viel Equipment an so einem Team dranhängen. Später erzählte uns Franz Sprakel vom Team race-now.de mit einem zwinkernden Auge, dass hier auch alle nur mit Wasser kochen. Beeindruckend war es trotzdem.

P1060793_Fotor
Beste Sicht auf den Rennstart

Kurz vor Start suchten wir uns schließlich einen Platz auf dem Dach der Boxenanlage, um das Geschehen beobachten zu können. Nach einer Aufwärmrunde positionierten die Fahrer für den Le-Mans-Start ihre Maschinen leicht schräg, aber in Reih und Glied am Streckenrand und sich selbst eine Streckenbreite entfernt. Beim Startschuss sprinteten alle los, sprangen auf ihre Maschinen und das Rennen begann. Allein beim Zusehen dieser wenigen Sekunden und mit welchem Tempo die Fahrer ihre erste Kurve nahmen, hatte ich ein Kribbeln im Bauch und war total fasziniert. Definitiv eine einzigartige Atmosphäre, die einem ein Grinsen ins Gesicht zaubert.

LeMans-Start 1000 km Hockenheimring, 1. Lauf des DLC 2017, Rennleitung#110
LeMans-Start des 1.000 km Hockenheim-Rennens
1. Lauf des DLC 2017, Rennleitung#110, Hockenheimring, RAVENOL-Kurve
Dicht gedrängt nehmen die Fahrer die erste Kurve – die RAVENOL-Kurve

13:00 Uhr hieß es für uns dann: Rundgang durch die Zentrale der Rennveranstaltung – der Racecontrol, mit anschließendem Besuch der VIP-Lounge im Baden-Württemberg Center und einer Führung durch eine der Boxen.

In der Racecontrol selber durften wir leider nicht fotografieren, da dieser Bereich der Öffentlichkeit eigentlich verschlossen ist, und uns dort auch nur ca. 2 Minuten aufhalten, um die Arbeiten nicht zu stören. Über die Monitore konnten wir dennoch einen kurzen Überblick über die einzelnen Streckenabschnitte erhaschen. Die Rennsportler beim Befahren der Spitzkehre zu beobachten war besonders interessant, denn dieser Streckenabschnitt wird bei Motorradrennen aufgrund seines hohen Gefahrenpotentials nur selten freigegeben.

Serverraum der Race-Control, 1000 km Hockenheimring, 1. Lauf des DLC 2017, Rennleitung#110
Serverraum der Race-Control

Im Anschluss besuchten wir den VIP-Bereich im Baden-Württemberg Center und konnten dort, begleitet von einem sehr interessanten Vortrag über den Hockenheimring und seiner Geschichte, einen einmaligen Ausblick über das Motodrom und weite Teile des Rings genießen. Rennen dieser Art üben die Faszination aus, dass man ihnen stundenlang zusehen kann. Das aus 15 m Höhe zu tun macht nochmal doppelt so viel Spaß.

Im Baden-Württemberg-Center mit fantastischem Ausblick, 1000 km Hockenheimring, 1. Lauf des DLC 2017, Rennleitung#110
Im Baden-Württemberg-Center mit fantastischem Ausblick
Parabolika, Spitzkehre, 1. Lauf des DLC 2017, Rennleitung#110
Teilweiser Blick auf die Parabolika, dem schnellsten Abschnitt der Strecke, und der gefährlichen Spitzkehre

Letzter Stop war dann die Führung durch Box 4 von Team race-now.de. Franz vom Team erklärte uns hautnah die Arbeiten in der Box und ließ uns an einem Fahrerwechsel teilhaben. Auch erzählte er uns die Geschichte des 19jährigen Fahrers Ralf. Dieser entdeckte seine Leidenschaft zum Rennsport erst vergangenes Jahr. Als er sich nach einem schweren Motorradunfall inkl. Helikopterflug für ein Rennstreckentraining bei Franz entschied, erkannte dieser schnell sein großes Talent und nun fährt er bereits im Team race-now.de beim DLC mit. Von der Straße auf die Rennstrecke. So schnell kann´s gehen.

Fahrerwechsel bei Team race-now.de, 1. Lauf des DLC 2017, Rennleitung#110
Fahrerwechsel bei Team race-now.de
Franz erklärt uns die Arbeiten in der Box, 1. Lauf des DLC 2017, Rennleitung#110, Hockenheimring
Franz erklärt uns die Arbeiten in der Box von Team race-now.de

Den restlichen Tag verbrachten wir entweder auf einer der Tribünen, beobachteten das Rennen, schauten beim dem Super-Moto-Training im großen Fahrerlager zu oder leisteten dem Team am Stand der Rennleitung#110 Gesellschaft. Aufgrund unserer langen Heimreise blieben wir nicht bis zu Siegerehrung, behalten den Tag und das dort Erlebte in guter Erinnerung.

Früh übt sich, 1. Lauf des DLC 2017, Rennleitung#110
Früh übt sich
Für Treibstroff hat die Rennleitung gesorgt, R1, Yamaha, 1. Lauf des DLC 2017, Rennleitung#110
Für Treibstroff hat die Rennleitung gesorgt
Fahrer im Kiesbett, 1. Lauf des DLC 2017, Rennleitung#110, Hockenheimring
Jean-Luc Florsch vom Lioncraft-Bikes2Speed Endurance Team
Fahrer steuern die Südkurve an, 1. Lauf des DLC 2017, Rennleitung#110, Hockenheimring
Fahrer steuern die Südkurve an
Arbeiten in der Boxengasse, 1. Lauf des DLC 2017, Rennleitung#110, Hockenheimring
Arbeiten in der Boxengasse

Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei der Rennleitung#110 bedanken, welche es mir und meinem Freund ermöglichte, an diesem Motorsport-Event teilzunehmen und diese einzigartigen Einblicke zu bekommen. Es war großartig! Ich erwähne das aber an dieser Stelle auch noch aus einem ganz anderen Grund. Sicherlich könnt ihr euch vorstellen, dass unser Tag auf dem Hockenheimring von den Gedanken an unseren verstorbenen Motorradfreund überschattet war.

Im Laufe des Tages bekamen wir weitere Informationen zum Unfallhergang und diese Tragödie wurde immer mehr zur Realität. Als ich irgendwann nachmittags auf einer der Tribünen gesessen habe konnte ich an nichts anderes mehr denken. Ich erinnerte mich an vergangenen gemeinsame Ausfahrten und hatte immer wieder diese Fragen im Kopf: Warum? Warum gerade er? Warum gerade einer der Guten?

Diese Fragen kann uns niemand beantworten. Er wollte nur schnell eine Runde drehen und kommt nie wieder. Durch einen Unfall, der so niemals hätte stattfinden müssen. Einen Unfall, der aber jeden von uns passieren könnte. Genau darin liegt wohl das, was wir nie verstehen werden: diese Sinnlosigkeit.

Und genau das ist ein Großteil der Arbeit, den die Rennleitung#110 Tag für Tag verrichtet. Motorradunfälle, die durch Leichtsinnigkeit und Unaufmerksamkeit auf Seiten der Auto- und Motorradfahrer passieren, durch Aufklärungsarbeit zu verhindern. Das die Rennleitung#110 auch jetzt unterstützend tätig ist und der Familie in dieser schweren Zeit hilft, rührt mich zutiefst. Auch dafür ein großes Dankeschön!

An dieser Stelle möchte ich auch ein paar Worte an dich richten, Steffen. Ich weiß nicht, wo du jetzt bist und ob sie dich erreichen werden. Wir kannten uns nur durch ein paar Ausfahrten, aber du warst stets einer derjenigen der gesagt hat: „Mach ruhig, alles ganz entspannt.“ Nicht dein Tempo war dir wichtig, sondern dass alle ihren Spaß hatten. Menschen wie dich haben mich in meiner Entscheidung bestärkt, dass es richtig ist, was ich tue. Dass ich Motorrad fahre und Spaß daran habe. Dass es nicht zählt Erster zu sein, sondern gesund zu Hause anzukommen. Das gerade dich dieses Schicksal nun ereilt hat, ist mehr als unfair und nicht zu begreifen. Unsere Gedanken sind bei dir und deiner Familie.

Hajo von den Motorradfreunden im Leipziger Neuseenland hat im Verlaufe des Samstags sofort eine Spendenaktion gestartet:

http://www.motorradfreunde-neuseenland.de/news//4/15/unser-beileid

Normalerweise bitte ich nie um etwas, aber in diesem Fall hilft jeder Euro. Das ist fast das einzige, was wir in diesem Moment tun können. Die Familie erlitt 2005 bereits einen harten Schicksalsschlag, als ihr Sohn bei einem schweren Motorradunfall ab dem 2. Halswirbel gelähmt wurde und seitdem eine intensive Betreuung benötigt. Ich würde euch diese privaten Dinge nicht erzählen, wenn ich anders zum Ausdruck bringen könnte, wie schwer das Schicksal mancher Familien sein kann. Und wie sehr jetzt Hilfe benötigt wird.

Unbenannt

Passt alle gut auf euch auf, euere Marie.

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