Wenn ich euch erzähle, dass der jüngste Motorradfahrlehrer Deutschlands gerade mal 22 Jahre alt ist – würdet ihr mir glauben? Überzeugt euch doch einfach selbst. Denn Robin Kemper hat mir zu sich und seinem Beruf als Fahrlehrer Rede und Antwort gestanden. Ich freue mich, dieses außergewöhnliche Interview nun mit euch teilen zu können und bin gespannt, wer von euch diesen jungen Mann auf Anhieb genauso sympathisch findet wie ich.

Motorradmieze: Robin, Du bist 22 und somit der jüngste Motorradfahrlehrer Deutschlands. Wie kam es dazu?

Robin: Nach unseren Recherchen bin ich der jüngste Motorradfahrlehrer in Deutschland, das stimmt. Unser Familienunternehmen wird von meinem Vater seit 16 Jahren geführt: die Fahrschule Kemper. Somit wurde mir dieser Beruf sprichwörtlich in die Wiege gelegt.

Zu erst habe ich meinen „BE-Fahrlehrer“ gemacht, sprich die Fahrlehrererlaubnis für den PKW. Da ich privat aber seit meinem 16 Lebensjahr viel Motorrad fahre und bspw. auch für die Rennleitung#110 aktiv bin, habe ich im Anschluss die Ausbildung für den “A-Fahrlehrer“ absolviert. Das Ganze habe ich aber nur mit einer Ausnahmegenehmigung machen können.

Motorradmieze: Du brauchtest eine Ausnahmegenehmigung. Hängt das mit Deinem Alter zusammen?

Robin: Genau. Für den Fahrlehrerschein der Klasse BE muss man spätestens zur Abschlussprüfung 22 Jahre alt sein. Ich habe die Ausnahmegenehmigung bekommen, weil wir die eigene Fahrschule haben und ich in dieser Hinsicht also genügend „vorbelastet“ bin ;-). Die Ausbildung zum Fahrlehrer für die Klasse A stellt dann eine Erweiterung zur Klasse BE dar.

Voraussetzung dafür ist neben der vorhandenen Fahrlehrererlaubnis der Klasse BE mindestens 2 Jahre Fahrpraxis in der Klasse A vorweisen zu können. Da ich seit meinem 16. Lebensjahr den A1-Führerschein hatte und im Anschluss mit 18 Jahren den A2-Führerschein gemacht habe, konnte ich mit 20 direkt offen fahren und mit 22 dann die 2 Jahre Fahrpraxis nachweisen. Außerdem musste ich mich einer MPU (Medizinisch-Psychologische Untersuchung) unterziehen. All das hat geklappt und nun bin ich Fahrlehrer für die Klassen BE und A.

Motorradmieze: Ich kann mir vorstellen, dass Dein Alter Dir in diesem Beruf Vorteile, aber auch Nachteile verschafft. Wie sind diesbezüglich Deine Erfahrungen?

Robin: Ja. Vorteile sehe ich definitiv darin, dass ich quasi auf Augenhöhe mit den Fahrschülern reden kann. Das ist im Endeffekt dasselbe Prinzip, wie wir es bei der Rennleitung#110 handhaben; nur, dass es hier nicht um Polizist – Mensch, sondern um Fahrlehrer – Mensch geht. Das Verhältnis ist trotz aller Professionalität freundschaftlich ausgerichtet und ich habe das Gefühl, so besser an die Leute ranzukommen und sie zu erreichen.

Tatsächlich denken aber viele, dass ich wenig Erfahrung mitbringe. Ich argumentiere dann immer, dass jemand der seit 20 Jahren den Führerschein hat, genauso viel gefahren sein kann, wie jemand der ihn seit 2 Jahren hat. Wenn ich den Leuten dann noch erzähle, was ich alles mache, wie sehr ich mich engagiere und was ich bereits an Fahrpraxis in meinem Alter gesammelt habe, dann wird ihnen schnell bewusst, dass ich Ahnung habe von dem was ich tue.

Es gibt aber natürlich auch Fahrlehrerkollegen, die über mich schmunzeln. Als ich die Fahrlehrererlaubnis für die Klasse BE gemacht habe, wurde ich von einigen nur müde belächelt. Das hat sich dann bei der Klasse A tatsächlich noch verstärkt. Wenn man aber mal die Gelegenheit hat, zusammen zu fahren oder man sich auf einer Fortbildung trifft, merke ich schnell, dass ich mit meinem Kenntnisstand und meinen Erfahrungen da absolut drüber stehen kann. Ich kann von mir behaupten, dass ich im Motorradsektor viel mehr drin stecke als so manch anderer und lasse mich daher nicht beeinflussen oder verunsichern.

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Motorradmieze: Trotz der Leidenschaft zum Beruf wirst Du wahrscheinlich mit einigen Herausforderungen in der Zweiradausbildung konfrontiert werden. Wo liegen diese?

Robin: Die grundsätzliche Herausforderung ist definitiv das richtige Handling für das Motorrad beizubringen. Es gibt Fahrschüler, die haben das sofort drauf. Die steigen auf, kommen mit der Kupplung und dem Schalten klar und gewöhnen sich schnell an das Motorrad. Es gibt aber auch ganz viele Fahrschüler, die erstmal große Probleme haben warm zu werden. Dann müssen grundlegende Dinge wie Anfahren und natürlich das Fahren als solches beigebracht werden.

Eine spezielle Herausforderung gibt es nach meinem Empfinden bei der Klasse A1 (125 ccm), die man mit 16 machen kann. Die Fahrschüler bringen hier kein Wissen über die Verkehrsregeln mit. Dann müssen wir Fahrlehrer beides lehren – das Handling sowie das Verhalten im öffentlichen Straßenverkehr. Das ist für uns und für den Fahrschüler doppelt schwierig und den A1-Führerschein machen meiner Erfahrung nach daher relativ wenige. Diejenigen die sich das trauen, bekommen das aber tatsächlich wirklich gut hin.

Am Wichtigsten ist eben, dass man Motorrad fahren will und nicht muss. Wenn ein Fahrschüler den Motorradführerschein nur macht, weil es z.B. dem Partner gefällt, es aber nicht aus Herzblut heraus geschieht, dann ist das meistens auch zum Scheitern verurteilt. Du entwickelst dann einfach nicht dieses spezielle Feeling und lässt dich nicht darauf ein.

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Motorradmieze: Du hast eben bereits den A1-Führerschein angesprochen. Hast Du das Gefühl, dass gerade junge Menschen besonders risikoaffin sind?

Robin: Beim Fahren, also in der praktischen Ausbildung, merkt man erstaunlicherweise sehr wenig, dass junge Menschen besonders risikoaffin sind. Im Theorieunterricht sieht das dann schon ganz anders aus, wenn wir uns bspw. über Themen wie Gefährdung und Unfallprävention unterhalten.

Für junge Menschen bedeutet Motorrad fahren oftmals, am Gas zu drehen und eine geile Zeit zu haben. Die Risiken sind ihnen häufig gar nicht bewusst oder sie blenden diese für den Spaßfaktor bewusst aus. Hier setzen wir an und bereiten junge Menschen mit viel Verantwortung auf ihr späteres Teilnehmen am Straßenverkehr vor.

Motorradmieze: Durch viele Gespräche und auch auf Grundlage meiner eigenen Erfahrung glaube ich, dass Frauen das Thema Motorradführerschein anders angehen als Männer. Kannst Du das bestätigen?

Robin: Wir erleben es tatsächlich oft, dass Frauen zu uns kommen und bereits vorher in anderen Fahrschulen keine passenden Motorräder gefunden haben, weil sie relativ klein sind. Deswegen haben wir extra tiefergelegte Motorräder. Mit der entsprechend niedrigen Sitzbank steht dem Motorradführerschein also nichts im Wege.

Im Allgemeinen würde ich nicht pauschalisieren, dass Frauen ängstlicher oder vorsichtiger Motorrad fahren. Im Gegensatz zu Männern fahren sie aber mit mehr Köpfchen und denken mehr darüber nach, was sie tun. Sie hinterfragen das Ganze. So empfinde ich das zu mindestens.

Motorradmieze: Der Fahrlehrerberuf bringt viel Verantwortung mit sich. Was ist für Dich das Wichtigste, das Du jedem Deiner Fahrschüler mit auf den Weg geben willst?

Robin: Für mich ist eigentlich das Wichtigste, dass die Fahrschüler gerade in der theoretischen Ausbildung nicht nur stur auf die Prüfung vorbereitet werden. Ich baue meinen Unterricht meistens so auf, dass sie viel „für das Leben danach“ mitnehmen können. Es bringt mir nichts, wenn der Schüler die Fragen der theoretischen Prüfung alle richtig beantworten kann, aber kein Gefühl dafür bekommt, wie es danach in der Praxis und im wirklichen Leben oftmals abläuft.

Nehmen wir bspw. die Gruppenfahrten mit dem Motorrad. Im Theorieunterricht ist das ein kleines Thema, für mich aber total wichtig und sicherheitsrelevant. Versetztes Fahren, wer fährt mit wem, schwacher Teilnehmer, starker Teilnehmer, ortskundig, ortsunkundig – all das muss man berücksichtigen. Für Fahranfänger kann das zu einer unheimlich komplexen und herausfordernden Thematik werden, auf die ich sie bestmöglich vorbereiten möchte.

Außerdem vertrete ich die Philosophie der Rennleitung#110 – sprich anständig zu fahren. Mit Köpfchen dabei zu sein und sich immer wieder bewusst zu machen, dass Motorrad fahren ein gefährliches Hobby ist. Das soll einen nicht davon abhalten, den Motorradführerschein zu machen oder Motorrad zu fahren. Das hält uns alle nicht ab. Wir wissen aber, dass es gefährlich ist. Und man spielt mit dem eigenen Leben, wenn man sich nicht genügend Reserven lässt. Wenn man seinen Kopf aber einschaltet, kann man trotz aller Gefahr das Freiheitsgefühl absolut genießen.

Und noch viel wichtiger ist es für mich, dass ich meinen Fahrschülern mit auf den Weg gebe, sich immer wieder weiter zu bilden. Ich glaube gerade im Motorradbereich gibt es nichts Wichtigeres, als regelmäßiges Sicherheitstraining zu machen. Am Anfang der Saison, aber auch wenn man länger nicht gefahren ist und auch selbst wenn man 30.000 Km im Jahr fährt. Wenn jemand „von außen“ drauf guckt und dir Tipps gibt, das ein oder andere noch besser zu machen, kann das schon ganz viel bewirken und verändern.

Motorradmieze: Und zum Schluss: was fasziniert dich persönlich am Motorrad fahren und hast du ein Idol im Motorsport?

Robin: Mich fasziniert am Motorrad fahren natürlich das Freiheitsgefühl und die Flexibilität. Den Wind zu spüren und die Maschine zu kontrollieren. Wenn man beim Auto lenkt, dann fährt es nach links oder nach rechts. Aber sobald du dich beim Motorrad auch nur ein bisschen nach links oder rechts lehnst, passiert da schon viel mehr. Dadurch hat man mehr Verantwortung, aber auch viel mehr Spaß an der Sache. Das Auto wird oft dazu genutzt, um von A nach B zu kommen. Das Motorrad ist reines Hobby und somit ein großer Spaßfaktor für mich.

Ein Idol im Motor- bzw. Rennsport habe ich nicht. Dafür interessiere ich mich nur beiläufig. Mein Ausbilder in der Fahrlehrerfachschule ist aber tatsächlich ein großes Vorbild für mich. Man muss leider sagen, dass viele Fahrlehrerfachschulen und auch die Fahrschulen selbst nicht gut ausbilden. Der kompetente Nachwuchs an Fahrlehrern ist heutzutage Mangelware. Und wenn die wenigen Leute, die sich für den Job interessieren, dann noch schlecht ausgebildet werden, ist das wirklich beängstigend für die Zukunft der Fahrschulen.

Beim Verkehrskolleg in Leverkusen habe ich aber die beste Ausbildung gehabt, die ich mir hätte wünschen können. Die Pädagogen dieser Fahrlehrerfachschule sind in Deutschland sehr angesehen. Und das Konzept, welches mir mein Ausbilder beigebracht hat, unterstütze ich einfach total. Es wird viel Wert auf Sicherheit, Hintergrundwissen und das Entwickeln von Verständnis während der Ausbildung gelegt. Auch jetzt, wo ich selbst als Fahrlehrer arbeite, bin ich überzeugt von den Inhalten, welche mir dort vermittelt worden sind. Jedem, der den Beruf des Fahrlehrers erlernen möchte, kann ich diese Fahrlehrerfachschule nur ans Herz legen.

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Vielen Dank an Robin für die Beantwortung meiner Fragen. Ich hätte ihm locker noch 20 mehr stellen können ;-).

Wie sehen eure Erfahrungen während der Fahrschulzeit aus? Habt ihr euch gut aufgehoben gefühlt? Und vor allem – was sagt ihr zu so einem jungen Fahrlehrer? Ich persönlich finde das ganz großartig und bin begeistert, dass junge Menschen heute mit solch einem Engagement und Spaß ihrem Beruf nachgehen. Daumen hoch!

Ich freue mich auf euere Kommentare :-).

Viele Grüße, Marie

 

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