Eine der wohl tiefgreifendsten Fragen, die sich ein Mensch bezogen auf seine Persönlichkeit und dem Zufriedensein mit sich selbst stellen kann ist wohl: bin ich gut genug?  Mancher von uns quält sich mit dieser Frage ein Leben lang, andere wiederum scheinen mit einer großen Leichtigkeit neue Aufgaben, ungewohnte Situationen und Herausforderungen zu bewältigen. Ungeachtet dessen, ob sie fehlschlagen könnten oder es am Ende bravourös meistern. Und auch ich frage mich oft: bin ich gut genug? Und vor allem: fahre ich gut genug Motorrad?


Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.


Eines steht definitiv fest – zum Motorrad fahren wurde ich nicht geboren. Weder wurde mir dieses Hobby in die Wiege gelegt, noch „fließt Benzin durch meine Adern“, wie so manch einer die Verbundenheit und seine Gefühle zum Dasein als Motorradfahrer beschreibt. Ich bin dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Natürlich hat diese Leidenschaft schneller von mir Besitz ergriffen, als ich es jemals erwarten konnte. Aber gleichsam bedeutet das nicht, dass mir deswegen alles zugefallen ist, nur weil ich von einen auf den anderen Moment Feuer und Flamme gewesen bin. Sich Träume zu erfüllen bedeutet Arbeit. Und nur wenn du bereit bist diesen Weg zu gehen und die Steine aus dem Weg zu räumen, kannst du irgendwann von dir behaupten, dass du dein Leben lang nicht nur geträumt, sondern deine Träume auch gelebt hast.


Der Wunsch nach Freiheit lässt uns fliegen lernen.


Die Idee, selbst ein Motorrad fahren zu können, keimte in mir auf, als mein Freund und ich 2015 zum ersten Mal eine Motorradmesse besuchten. Bis heute weiß ich eigentlich nicht warum ich, als wir die Messe wieder verließen, diese Eingebung dazu hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nicht mal als Sozia auf einem Motorrad das Gefühl von Freiheit genossen. Dieses Bedürfnis war aber tatsächlich plötzlich so stark, dass ich mich nur zwei Monate später zum Führerschein anmeldete, mich mit einer kompletten Motorradausrüstung ausstattete und abermals drei Monate später meinen Führerschein in der Hand hielt.

Ich kann definitiv behaupten, dass ich selten so stolz auf mich gewesen bin wie an dem Tag, als ich meine Prüfung bestanden habe. Ich war stolz, all die Hürden genommen zu haben, die sich mir während meiner Fahrstunden offenbarten und, dass ich stets an mich geglaubt habe. Dieses Gefühl war unbeschreiblich und tatsächlich stieg ich noch einige Wochen später aufs Motorrad ohne zu begreifen, dass ich ganz offiziell Motorrad fahren darf. Nicht, weil ich extrem unsicher war oder mich unwohl fühlte. Sondern weil Motorrad fahren schlicht und ergreifend 26 Jahre lang kein Teil meines Lebenskonzeptes war. Weder war es präsent in meinen Gedanken, noch rechnete ich jemals damit, dass mich eines Tages der Wunsch beschleichen würde, in eine Welt eintauchen zu wollen, für die es viel Mut und Risikobereitschaft erforderte. Ich tat all das also nicht, weil es für mich eine Bestimmung war, sondern weil es zu einer wurde.


Es gibt kein: Ich kann das nicht. Höchstens ein: Ich kann das noch nicht!


Und bis heute – zwei Jahre später – fallen mir natürlich (!) manche Dinge noch immer schwer. Während ich meine erste Motorradsaison im vergangenen Jahr zu meiner höchsten Zufriedenheit verlebte, sehe ich mich und mein Fahren dennoch allzeit mit kritischen Augen. Die Ausflucht Welpenschutz gilt für mich nicht mehr und oft neige dazu, ähnlich wie zu Beginn meiner Fahrschulzeiten, damit zu hadern, dass ich scheinbar (!) einer von hundert Motorradfahrern bin, dem nicht alles automatisiert von der Hand geht UND der nicht ungemein risikobereit ist, um Fortschritte zu erzwingen. Das Konfuse dabei ist: ich verbessere mich sehr gerne sukzessive, weil ich genau dann stolz auf mich sein kann – und dennoch bewundere ich andere, die es bpsw. wie mein Freund einfach im Blut haben.


Bin ich deswegen eine schlechte Motorradfahrerin?


Weil ich Kurven bei Weitem noch nicht so schnell und technisch ausgefeilt nehmen kann, wie die meisten mit denen ich fahre? Muss ich das schon können?

Oder weil ich Tage habe, an denen ich es einfach langsam angehen lasse, weil es sich für mich richtig anfühlt? Muss ich jeden Tag schnell unterwegs sein?

Bin ich keine gute Motorradfahrerin, weil ich nicht jede freie Sekunde auf meinem Motorrad verbringe und mir auch andere Dinge im Leben wichtig sind? Ist das von Bedeutung?

Und sagt der nicht befahrene Rand meines Hinterreifens etwas darüber aus, wie viel Angsthase in mir steckt? Darf man keine Angst haben?


NEIN!


In meinen Augen geht es bei einem Hobby wie diesem überhaupt nicht darum, „gut genug“ zu sein. Es geht darum DU zu sein. Es gibt ebenso viele unterschiedliche Intentionen von Menschen aufs Motorrad zu steigen, wie es auch unterschiedliche Arten von Maschinen gibt. Finde deinen Weg, denn beweisen musst du niemanden etwas.

Der eine liebt es auf der Rennstrecke Gas zu geben, der andere mag gemütliche bis sportliche Touren auf- und abseits der Straßen. Für den einen ist das Motorrad Mittel zum Zweck, für den anderen die absolute Passion. Es gibt Menschen, die fahren am liebsten allein und dann gibt es wieder welche, die sich zu jeder Gelegenheit mit großer Begeisterung einfach in die Meute stürzen und das Gemeinschaftsgefühl lieben. Wir Motorradfahrer sind alle so unterschiedlich. Und genauso unterschiedlich sind auch unsere Ziele und unsere Ansprüche. Die uns niemand anderes vorgeben sollte als wir selbst.


Erfolg kommt dann, wenn du tust, was du liebst!


Denn geht es nicht viel mehr darum, es in vollen Zügen zu genießen? Rückschläge und Misserfolge zu akzeptieren als Teil des Entwicklungsprozesses? Von Zeit zu Zeit besser zu werden, aber das eben auch nicht jeden Tag zu erzwingen? Sich gut gemeinte Ratschläge anderer zu Herzen zu nehmen, sich deswegen aber nicht schlecht zu fühlen sondern viel eher motiviert? Spaß zu haben, sich wohl zu fühlen und sich darüber zu freuen, wenn man wieder einen Schritt nach vorn gemeistert hat? Aber sich auch zu nichts genötigt zu fühlen?

Erst am Freitag habe ich mich mit jemand darüber unterhalten, dass ich dieses Jahr auch schon eine Phase hatte, in der ich drei Wochen überhaupt kein Bedürfnis hatte mein Motorrad aus der Garage zu holen. Wisst ihr was er zu mir gesagt hat? „Das waren deine Schutzengel. Höre immer auf dieses Gefühl. Erzwinge nichts!“ Und genau so ist es.

Natürlich bin ich nach wie vor ehrgeizig meine Maschine immer besser handhaben zu können – aber nicht um jeden Preis. Und nicht, weil es andere von mir vielleicht erwarten könnten. Druck ist kein guter Begleiter, wenn man versucht in einer Sache besser zu werden. Ich fahre und entwickle mich weiter in meinem Tempo. Und DAS ist gut so. 

Sich stetig verbessern zu wollen, auch um sicherer im Umgang mit dem Motorrad zu werden, ist wichtig. Unwichtig hingegen jedoch ist, ob du in den Augen anderer der „perfekte Motorradfahrer“ bist oder eben nicht. Gesund zu Hause ankommen und sich aller Risiken bewusst sein – darauf kommt es an. 


Ich wünsche jedem Gelassenheit, der mit sich hardert und den Mut, seine Träume zu leben!


Viele Grüße,

Marie

 

 

Advertisements