Turn 2


Nach einer vierzigminütigen Pause, in der wir gemeinsam unsere ersten Runden auf dem Lausitzring analysierten, machten wir uns auf dem Weg zum zweiten Turn. Pit gab Hinweise, worauf wir achten sollten und die Mädels gaben mir gute Tipps zum Lockerwerden. Das Verständnis und dieses: „Das haben wir alle am Anfang durchgemacht!“ gaben mir neuen Mut. Auf den Geraden ordentlich Gas geben, hohe Drehzahlen erreichen und entspannt bleiben war diesmal meine persönliche Mission.

Nach ein bis zwei Runden im zweiten Turn wusste ich dann in etwa, wie die Strecke verläuft. Ich bin ein Mensch, der Dinge erst lernt, während er sie macht. Auf ein Blatt mit dem Streckenverlauf zu starren brachte mich im Vorfeld also nicht wirklich weiter. Aktiv an diesem Kennenlernprozess beteiligt zu sein schon viel eher. Langsam freundete ich mich mit der einen oder anderen Kurve an, andere wiederum wollten mir noch nicht wirklich gut gelingen.

Schließlich traute ich mich im Verlauf des zweiten Turns auf den Geraden schneller zu fahren; auch auf die Gefahr hin nicht zügig genug runterschalten zu können und die Kurven nicht zu bekommen. Mit ein paar Tipps von meinem Freund klappte das zügigere Runterschalten aber schließlich schon sehr viel besser, so dass ich in den Linkskurven meinen Reifen schon fast bis an den Rand fuhr. Wieder ein müdes Lächeln der eingefleischten Rennsportler ;-). Aber erstaunlicherweise fielen mir auf dem Ring die vielen Linkskurven sehr viel leichter, obwohl ich im öffentlichen Straßenverkehr lieber Rechtskurven fahre. Aber auf einer Rennstrecke gibt es nun mal auch keinen Gegenverkehr.

Rennsteckentrainig auf dem Lausitzring, Motorrad, Rennleitung#110, Motorradfahrerin
Zurück in die Boxengasse

Im letzten Drittel des zweitens Turns setzte dann leider Regen ein, der wie sich wenig später rausstelle, das Training für fast alle von uns beendete. Schutzengel Fiona entschied sich nach einem Wegrutschen des Hinterrads wieder zurück in die Boxengasse zu fahren. Annika und ich folgten ihr, während Pit und Melli noch eine weitere Runde absolvierten.


Was danach geschah


Wieder im Fahrerlager angekommen stellten wir unsere Motorräder ab und zogen wegen der aufziehenden Regenfront natürlich lange Gesichter. Melli gesellte sich wenig später zu uns, auch sie hatte sich gegen ein Weiterfahren entschieden. Mich wunderte wo Pit blieb, da man kein Motorrad mehr auf der Strecke hören konnte. Scherzhaft meinte ich noch zu den Mädels, dass er sich wahrscheinlich wieder direkt mit jemanden in der Boxengasse verquatscht hat. Bis mit einem Mal das Safety Car an uns vorbei fuhr – mit seiner R1 im Gepäck. Im selben Augenblick bekam Pits Freundin eine Meldung auf ihr Handy: er ist gestürzt. In Momenten wie diesen rutscht einen erstmal komplett das Herz in die Hose.

Sofort machten wir uns ins Medical Center auf, in dem es schnell Entwarnung gab: Pit ist nichts passiert und schon wenige Minuten später konnten wir ihn in unsere Arme schließen. Melli und mein Freund haben während dessen die R1 zurück zu unserem Platz gebracht, welche dann wenig später von Annika auseinander genommen wurde, um sie von dem eingesammelten Kies zu befreien. Außer einigen Kratzern haben Pit und seine Maschine nichts abbekommen. Glück gehabt!

Rennsteckentrainig auf dem Lausitzring, Motorrad, Rennleitung#110, Motorradfahrerin
Alle Mädels fleißig am Schrauben

Bis auf Melli entschieden wir uns alle gegen ein Weiterfahren. Der Lausitzring wird bei Regen einfach verdammt rutschig – als Anfänger habe ich mir das nicht zugetraut. Und auch während des gesamten Nachmittages mussten immer wieder weggerutschte Motorräder von der Strecke geholt werden. Es war ein Trauerspiel. Unsere taffe und rennstreckenerfahrene Melli hingegen zog die Regenreifen auf und absolvierte sturzfrei Runde um Runde. Der Regen schien ihr pure Freude zu bereiten. Eine tolle Leistung!

Gegen 15 Uhr begannen wir langsam die Motorräder wieder zurück zu bauen, sie zu verladen und unsere Sachen zu packen. Viel zu früh hieß es Abschied nehmen, aber der anhaltende Regen lies uns keine andere Wahl. Es hat nicht sollen sein!


Werde ich wieder auf die Rennstrecke gehen?


Eine ganz klare Antwort: Jein!

Das ich in nächster Zeit meine Leidenschaft für den hobbymäßigen Rennsport entdecke oder gar gänzlich die Landstraße gegen den Ring eintausche, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Erst recht nicht mit meiner Yamaha MT-07. Noch immer habe ich nicht den Drang die Schnellste sein zu wollen oder das Knie auf den Boden zu bekommen – dieses Gen fehlt mir wohl einfach. Der Reiz vom Motorradfahren liegt für mich vorrangig woanders.

Allerdings wird es dennoch nicht mein letztes Mal gewesen sein, da ich definitiv weitere Trainings absolvieren möchte. Ich sehe mich in einem Kurven-, Schräglagen- oder Fahrsicherheitstraining allerdings sehr viel besser aufgehoben, da die dort angesiedelten Trainingsinhalte viel besser zu meinen Bedürfnissen als Motorradfahrerin durch „Wald und Wiesen“ passen.

Ob ein freies Rennstreckentraining für einen Anfänger wirklich geeignet ist halte ich auch für fraglich. Natürlich gab es Instruktoren vor Ort, allerdings hätte ich mich ohne Pit im gesamten Ablauf wahrscheinlich sehr verloren gefühlt. Die Veranstaltung glich eher einem freien Fahren, als einem Trainingstag, was aber auch dem Regen und dem baldigen Auflösen der Gruppen geschuldet war, da sich eh nur noch sehr wenige Fahrer auf die Strecke trauten.

Natürlich ist es bedauerlich, dass wir nicht den kompletten Trainingstag absolvieren konnten und vielleicht konnte ich mir deswegen auch kein vollständiges Bild machen und habe vor allem einen viel zu geringen Entwicklungsprozess durchleben können. Dennoch habe ich einiges gelernt und nehme viel Positives mit. Allein durch die ca. 30 Minuten auf der Rennstrecke spüre ich nun eine deutliche Veränderung auf der Straße. Mein Blick ist noch offener nach vorn gerichtet und somit fällt mir das Einschätzen und Durchfahren von Kurven leichter. Außerdem ist mein Vertrauen zu meiner Maschine nochmal deutlich gestärkt wurden. Und dabei dachte ich schon immer, dass eine Menge Vertrauen da ist. Ich wurde eines besseren belehrt ;-). Ich hätte niemals damit gerechnet, dass sich in der Kürze der Zeit so einiges verbessern kann.

Die komplette Vorbereitung für so einen Tag durchdacht und mitgemacht zu haben, lässt mich entspannter an zukünftige Trainings (auf der Rennstrecke) denken. Auch wenn es nicht überall gleich läuft, jede Strecke anders ist und man unterschiedliche Bedingungen auffindet, weiß ich nun, was auf mich zukommt und wie es sich anfühlt, auf einer Rennstrecke zu fahren. Gar nicht so beängstigend wie erwartet ;-).


Danke!


Trotz dessen wir mit schwierigen Bedingungen zu kämpfen hatten verbrachten wir einen tollen Tag zusammen, haben viel gelacht und uns ausgetauscht. Mittlerweile habe ich durch die Rennleitung#110 wirklich tolle Menschen kennen gelernt und bin dafür sehr dankbar. Wir Schutzengel-Mädels haben uns super verstanden, uns gegenseitig unterstützt und Pit wahrscheinlich den einen oder anderen Nerv gekostet – aber ich bin mir sicher er verkraftet das ;-). Nur eines haben wir vor lauter Regen und Drama vergessen: meinen Motorradkuchen zu essen!

Rennsteckentrainig auf dem Lausitzring, Motorrad, Rennleitung#110, Motorradfahrerin
Dream-Team!

Ich möchte nochmal ein großes Dankeschön an Pit aussprechen, der uns durch das Schutzengel-Finale begleitet hat und zu jeder Tages- und Nachtzeit Rede und Antwort stand, wenn irgendwelche Fragen aufkamen. Auch nehme ich allgemein viele tolle Erinnerungen aus diesem halben Jahr mit. Man trifft nicht jeden Tag Menschen, mit denen man sich auf Anhieb so gut versteht und denen man vor allem blind vertrauen kann und die wirklich immer ein offenes Ohr haben. Danke, Pit!

Auch möchte ich mich bei den Mädels bedanken, die diesen Tag wirklich einmalig gemacht haben. Melli, du hast das Ding im Regen gerockt! Annika, riesen Respekt wie gut du mit Pits Kawasaki auf Anhieb zu Recht gekommen bist und mit welcher Hingabe du die verletzte R1 gepflegt hast. Ganz große Klasse! Fiona, dich auf dem Ring fahren zu sehen hat mich absolut begeistert, da ich ja wusste du bist genauso blutige Anfängerin wie ich. Angemerkt hat man dir das aber nicht. Du hast das toll gemacht!

Rennsteckentrainig auf dem Lausitzring, Motorrad, Rennleitung#110, Motorradfahrerin

Mein erstes Mal auf der Rennstrecke verlief vielleicht nicht optimal, allerdings sehe ich genau das als Anreiz, mich intensiver mit der Materie Motorradtrainings auseinander zu setzen. Definitiv hat dieser Tag einige Hemmschwellen und Ängste bei mir abgebaut. Manchmal muss man eben erst ins kalte Wasser geschubst werden ;-). Auch wenn mir nicht immer danach zu Mute war das Finale anzutreten, habe ich etwas angepackt – etwas zum ersten Mal gemacht – und kann nun mit einem positiven Gefühl sagen, dass es sich definitiv gelohnt hat.

Ich bin gespannt, wie es nach dem Finale für uns Schutzengel weitergehen wird. Jede(r) von uns, nicht nur die Finalistinnen, hat einen wirklich tollen Beitrag dazu geleistet, dass die Rennleitung#110 und ihre Arbeit, das „anständige Fahren“ und das „genauer Hinschauen“, weitere Präsenz bei den Motorrad- aber auch Autofahrern gefunden hat. Damit etwas Gutes zu bewirken hat unheimlich Spaß gemacht!

Viele Grüße,

Marie

 

Rennsteckentrainig auf dem Lausitzring, Motorrad, Rennleitung#110, Motorradfahrerin

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