Das Glücksgefühl Beschleunigung – aus dem Suchtalltag einer abstinenten Motorradfahrerin

Ich starte den Motor mit meinem rechten Daumen, ziehe die Kupplung mit meiner linken Hand und lege den ersten Gang ein. Schlagartig kommen die rotierenden Zahnräder im Getriebe meiner Maschine zum Stillstand, klack und ein kaum wahrnehmbarer Ruck durchfährt die Yamaha. Ich lasse die Kupplung kommen und in diesem Moment warten wir beide nur noch auf den erlösenden Kraftimpuls: Gas! WIE ich dieses Gefühl liebe!


Die Welt um mich rum bleibt für einen kurzen Moment stehen.


… und derzeit so vermisse. Ich sehne mich nach dem Gefühl der Beschleunigung, welches mich leichter Hand aus dem Hier und Jetzt befördert. Die Welt um mich rum bleibt für einen kurzen Moment stehen und die Areale in meinem Gehirn, welche wie beim Genuss anderer Suchtstoffe stimuliert werden, schlagen händeklatschend Alarm. Let´s get the party started!

Zusammen mit der Ausschüttung von Dopamin und Adrenalin, aber auch schon beim bloßen Gedanken an diesen Moment, durchrauscht mich ein Glücksgefühl, welches so intensiv ist, dass mein Belohnungszentrum im Gehirn sofort an meine „Speed-Zellen“ sendet: gib mir mehr davon! Es ist also kein Wunder, dass man sich regelrecht als süchtig bezeichnen kann, also immer mehr davon will, wenn man einmal vom Motorrad-Fieber gepackt wurde.


Ihr könnt mich gerne als Schönwetterfahrerin schimpfen.


Befände ich mich gerade im sonnenverwöhnten Spanien, würde ich dieser Sucht definitiv nachgehen. Und auch hier im kalten Deutschland, dessen unterschiedliche Jahreszeiten ich übrigens sehr liebe, könnt ihr mich gerne eine Schönwetterfahrerin schimpfen. Zwar empfinde ich eine Abenteuerfahrt durch den sommerlichen Platzregen im Schlechtwetterdreieck Altenburg-Meuselwitz-Rositz (Achtung Insider – so übel ist es dort gar nicht) als gelungene Abwechslung, aber die aktuellen Witterungsverhältnisse veranlassen mein Bedürfnis nach einem ausgeglichenem Risikomanagement die „Speed-Zellen“ meines Gehirns ganz kleinlaut werden zu lassen.

In den Übergangsjahreszeiten kommen sie gerade noch überein, aber ab dem späten Herbst warten ich und mein Gretchen lieber auf den nächsten Frühling. Und irgendwann, nach der Weihnachtsvöllerei und Silvesterknallerei, steigt die Sehnsucht – und die Angst: passe ich noch in meine Kombi?! – nach meinem Motorrad ab Januar plötzlich überproportional an. Beim Wort überproportional muss ich übrigens nicht an meine Gewichtszunahme während der Feiertage denken, sondern unweigerlich an mein miserables Matheabitur. Frag bloß nicht nach Sonnenschein! Aber Freunde, das Matheabi ist längst Geschichte, aus mir ist trotzdem etwas geworden und viel wichtiger: wir HABEN Januar!


Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt!


In stillen Momenten der Verzweiflung jage ich dann nach Feierabend meinen Mazda über die Autobahn und genieße die Geschwindigkeit für einen kurzen Moment. Komischerweise fühle ich mich im Auto bei hohen Geschwindigkeiten unbehaglicher, als auf meinen Motorrad. Geht euch das auch so? Der Mensch ist schon ein sehr eigenwilliges und irrationales Wesen, wenn er glaubt, er hätte auf einem Motorrad ohne jegliche Knautschzone mehr Kontrolle über sein Leben, als im Schutze des Blechmantels seiner japanischen Reisschüssel. Aber so mache ich mir eben die Welt, wie sie mir gefällt.

Und entscheide ich mich just in diesem Moment, kommenden Freitag laut „Helau!“ in die Massen zu rufen. Das wird tatsächlich mein erster Faschingsbesuch seit Jahrzehnten, aber wie als MARIEnkäfer zu Kindergartenzeiten werde ich da garantiert nicht aufkreuzen. Da muss schon eine richtige Verkleidung her. Zumindest für alle anderen Partygäste, die noch immer nicht glauben, dass es auch Frauen aufs Motorrad verschlägt. Was läge da näher, als mich als waschechte Motorradmieze zu kostümieren. Ein bisschen Spaß muss schließlich sein in der fünften Jahreszeit.


ACHTUNG, wir sind keine Bäcker!


Außerdem kompensiere ich das Vermissen aktuell auch durch Sport. Ins Fitness-Studio gehen mein Freund und ich schon seit einigen Jahren. Und damit auch euch wie allen anderen die Münder aufklappen bei folgender Information: dafür klingelt unser Wecker regelmäßig zwischen – ACHTUNG, wir sind keine Bäcker – 4.00 und 4.30 Uhr. In den letzten Monaten hatte ich allerdings keinen regelmäßigen Trainingsrhyhtmus und tatsächlich hat sich das auch negativ auf meine Kraft und Kondition beim Biken ausgewirkt – übrigens auch beim Einkäufe schleppen, Möbel und hohe Schuhe tragen sowie Fenster putzen. Dem wird nun wieder aktiv und hochmotiviert entgegen gewirkt und langsam kommt die alte Begeisterung fürs Training zurück. Ein Pluspunkt für die Nicht-Saison, die auch bald wieder ihr Ende findet, aber auch ein Pluspunkt dafür, alte Geister hinter sich zu lassen.


Hallo nimmersattes Belohnungszentrum!


Bis März entwickle ich einfach weitere Süchte, denn wer in dieser Woche meine Instagram-Story verfolgt hat wird nicht nur bemerkt haben, dass ich mein Leben erst nach einem ersten, morgendlichen Kaffee erträglich finde, sondern das ich mich neuerdings neben dem Motorrad fahren auch nach dem Kuchen und/oder Eis (Hallo nimmersattes Belohnungszentrum!) während der Pausen einer Motorradtour sehne.

Dabei in der Sonne sitzen, den qualmenden Helm auslüften und sich über die individuellen Erlebnisse der letzten Minuten und Stunden unterhalten. Spätestens beim Fachsimpeln über unterschiedliche Modellreihen ab 1935 kann ich getrost meine Augen schließen und abschalten. Vieles überlasse ich in meinem Leben nicht allein den Männern, solche alten Kamellen allerdings schon. Denn ich hab´ ein Haus, ein kunterbuntes Haus, ein Äffchen und ein Pferd, die schauen dort zum Fenster raus… tralalalalaaaa.


Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude.


Im Übrigen finde ich das Gefühl des Vermissens gar nicht so schlimm, ganz im Gegenteil. Einer meiner Lieblingsfilme ist „Vanilla Sky“ und dort dreht sich eine Szene um den sogenannten Verzögerungsgenuss – denn Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude. Oder auch: beim Essen das beste Stück bis zum Schluss am Tellerrand liegen zu lassen, sich auf ein Wiedersehen freuen oder die neueste Bekanntschaft nicht direkt mit nach Hause zu nehmen. Für mich bedeutet das: ich freue mich, wenn ich mich auf etwas freuen kann! Also warte ich momentan mit zwei lachenden Augen auf die kommende Saison und bin glücklich, dass mein Leben in der Zwischenzeit trotzdem einen Sinn hat.

Und in genau diesem Sinne wünsche ich euch eine schöne Zeit bis es wieder heißt: Gas geben!

Marie

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19 Kommentare zu „Das Glücksgefühl Beschleunigung – aus dem Suchtalltag einer abstinenten Motorradfahrerin

Gib deinen ab

  1. Ja! erst zaghaft Gas geben um wieder ein Gefühl für die Maschine zu entwickeln und dann wenn das vertraute wieder da ist, dieses Gefühl wenn du den Gashahn voll aufdrehst und das Grinsen immer breiter wird 🙂 Was freu ich mich auf März .

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  2. Also ich fahre das ganze Jahr durch und bin glücklich 🙂
    Lustigerweise geht es mir aber bei hohen Geschwindigkeiten wie dir: Ich fühle mich auf dem Motorrad deutlich sicherer als im Auto… Gleiches gilt für komplexe Verkehrssituationen….

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    1. Das freut mich, dass du dich wohl damit fühlst das ganze Jahr durchzufahren :-). Manchmal glaube ich es liegt daran, dass man weniger Platz einnimmt als im Auto und somit das Gefühl hat, schwierigen Situationen besser ausweichen zu können. LG Marie

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  3. Hey Marie. Wunderschön ge-bzw. geschrieben. Jeder Gedanke könnte meinem Kopf oder Herzen entsprungen sein. Ich freu mich schon wie verrückt auf die neue Saison 😊.
    Dir wünsch ich auch ein tolles 2018 und schreib bitte weiter so schöne von Herzen kommende Beiträge,danke.

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  4. Absolut spitze und treffend geschrieben!
    Auch wenn ich ein Ganzjahresfahrer bin, finde ich einen Großteil der geschilderten Eindrücke bei mir wieder.
    Werde dir gerne weiter folgen…

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  5. Toller Text, besonders den Titel fand ich super gewählt. Vieles davon kommt mir sehr bekannt vor. Auch ich fühle mich auf dem Motorrad viel sicherer als im Auto, obwohl dass doch völlig unlogisch ist. Bei mir ist es aber sicher die Routine, da ich fast nur im Winter Auto fahre und auch dann nur wenn’s sein muss. Motorradfahren tue ich dagegen in den wärmeren Jahreszeiten jeden Tag, und sei es nur den Weg zur Arbeit. Ach schon nur darüber zu schreiben weckt die Sehnsucht erneut. Der Frühling kann einfach nicht schnell genug kommen…

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  6. TOP!!! *Daumen-hoch*

    ..wenn ich momentan, abends nach der Arbeit, im sitzgeheizten Diesel sitze, Tempomat auf 90, Fernlicht-Automatik an, Regensensor ebenso, DAB+ den Sender nie verliert und die Automatik ganz leise und sanft die Gänge wechselt, bei 10 Grad unter Null, im Dunkel..

    ..ja, dann denke ich manchmal an das Feuer in der KTM, an das quere Anbremsen der Kreisverkehre, an die Wheelies ab 80 Sachen, an den unglaublichen Tritt des V2 bei den kleinsten Zuckungen am Gasgriff, an das Schmelzen des Hinterrads beim Rausfeuern aus den Kurven..

    ..und ich hoffe, das Sitzen im sitzgeheizten Diesel, bei knapp 90 Sachen, automatisch bewegt und weit weg von Power und Emotion dauert nicht mehr allzu lange..

    Plusgrade sind sehr sehr willkommen!!

    Danke für Deinen Post, und das Vorderrad hoch erhoben zum Gruss!!

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  7. Ich hätte den Beitrag nicht lesen sollen… Jetzt kommen mir die Tage bis zum 01.03. – ja, ich bin »Bruchstrichfahrer« – noch länger vor. Wobei sich vor meinem Fenster auf der Straße auch wieder so 8-10 cm Neuschnee versammelt haben. 😦

    Angeblich kann auch Schololade zu essen mit Dopamin und somit auch Glücksgefühlen weiterhelfen. Ich habe es ausprobiert. Der Tipp ist nicht wirklich gut: Jetzt passt mir die Lederkombi nicht mehr….

    Noch 40 Tage… Wobei »ein Monat und neun Tage« sich deutlich kürzer anhört. 😉

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    1. Hey, ja – den Trick mit der Schokolade nehme ich mir auch ab und an zu Herzen ;o). Aber so auf Dauer ist es eben doch nicht zu vergleichen :-). Wir hatten bisher keinen richtigen Schnee – das bleibt nun hoffentlich auch so. Der Frühling kann gern ab dem 01.03. so richtig beginnen ;-)! LG Marie

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